Manche Kaninchen stehen vorne oder hinten nicht ganz „gerade“. Die Beine wirken nach außen oder innen gebogen, die Gelenke stehen auffällig schief. Solche Veränderungen werden als Achsfehlstellungen bezeichnet – umgangssprachlich spricht man von X-Beinen oder O-Beinen.

Nicht jede Fehlstellung ist automatisch krankhaft. Entscheidend ist immer:
Hat das Tier Schmerzen? Wird das Gelenk überlastet? Verschlechtert sich der Zustand?


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Was bedeutet X- oder O-Bein genau?

Betrachtet man ein Kaninchen von vorne, sollte die Beinachse – vom Oberschenkel über das Knie bis zum Sprunggelenk – möglichst gerade verlaufen.

Bei einer Abweichung unterscheidet man:

X-Beine (Carpus Valgusstellung)

Die Gliedmaßen weichen nach außen ab, während die Gelenke näher zur Körpermitte stehen. Die Beinachse bildet optisch ein „X“.

O-Beine (Carpus Varusstellung)

Die Gliedmaßen stehen weiter innen, die Gelenke weichen nach außen. Zwischen den Beinen entsteht optisch ein „O“.

Die Fehlstellung kann:

  • nur eine Gliedmaße betreffen
  • beidseitig auftreten
  • nur vorne oder nur hinten bestehen
  • mild oder stark ausgeprägt sein

Wie entstehen solche Fehlstellungen?

Angeborene Ursachen

Einige Kaninchen kommen bereits mit einer Achsabweichung zur Welt. Ursache ist meist eine ungleichmäßige Entwicklung der Wachstumsfugen. Dabei wächst eine Seite des Knochens stärker oder länger als die andere.


Wachstumsphase

Im Jugendalter sind Knochen und Gelenke noch formbar. Wenn:

  • die Wachstumsfugen unterschiedlich aktiv sind
  • ein Bein stärker belastet wird
  • Muskelentwicklung ungleichmäßig ist

kann sich eine Achsabweichung entwickeln.


Bänder- und Gelenkinstabilität

Sehr junge Kaninchen haben häufig noch weiche, elastische Bänder. Dadurch kann ein Gelenk instabil wirken. In vielen Fällen stabilisiert sich das mit zunehmendem Muskelaufbau.


Sekundäre Ursachen

Seltener entstehen Achsfehlstellungen durch:

  • schlecht verheilte Frakturen
  • chronische Gelenkentzündungen
  • massive Fehlbelastung
  • starkes Übergewicht, besonders im Wachstum

Woran erkennt man eine Fehlstellung?

Oft fällt zunächst nur eine leichte „Schiefstellung“ beim Stehen auf.

Weitere mögliche Hinweise:

  • ungewöhnlicher Gang
  • instabiles Hoppeln
  • vermehrtes Nachaußen- oder Nachinnenkippen
  • ungleichmäßige Abnutzung der Krallen
  • asymmetrische Muskelentwicklung

⚠️ Typisch ist …

… dass viele betroffene Tiere zunächst völlig unauffällig wirken.
Sie fressen normal, bewegen sich gern und zeigen keine offensichtlichen Schmerzen.


Verursacht das Schmerzen?

Leichte Fehlstellungen sind häufig schmerzfrei. Problematisch wird es, wenn durch die veränderte Achse:

  • das Gelenk ungleichmäßig belastet wird
  • Knorpel schneller verschleißt
  • sich frühzeitig Arthrose entwickelt

Dann können auftreten:

  • Lahmheit
  • Schonhaltung
  • verminderte Aktivität
  • Schmerzreaktion bei Beugung oder Streckung

Abzugrenzen von

Nicht jede „schiefe“ Beinstellung ist eine echte Achsfehlstellung.

Abzugrenzen sind unter anderem:

  • Spreizbeinigkeit bei Jungtieren
  • Rachitis (Mineralstoffmangel im Wachstum)
  • neurologische Koordinationsstörungen
  • frakturbedingt veränderte Knochenachsen
  • Luxationen (Gelenkausrenkungen)

Eine sichere Einordnung erfolgt über eine tierärztliche Untersuchung – ggf. mit Röntgen.


Diagnostik

Zur Beurteilung gehören:

  • Beobachtung im Stand
  • Bewegungsanalyse
  • Abtasten der Gelenke
  • Stabilitätsprüfung

Ein Röntgenbild zeigt:

  • den Verlauf der Knochenachse
  • den Zustand der Wachstumsfugen
  • mögliche Gelenkveränderungen

Erst dann lässt sich entscheiden, ob eine Therapie sinnvoll ist.


Knöcherne Deformation oder nur Bandinstabilität?

Nicht jede „schiefe“ Beinstellung bedeutet, dass der Knochen dauerhaft verformt ist. Man unterscheidet zwei grundsätzlich verschiedene Ursachen:

🦴 Echte knöcherne Deformation

Hier liegt eine tatsächliche Veränderung der Knochenachse vor.
Ursache ist meist eine Störung der Wachstumsfuge oder eine asymmetrische Knochenentwicklung.

Merkmale:

  • Fehlstellung bleibt auch bei Entlastung bestehen
  • Achsabweichung ist im Röntgen klar sichtbar
  • Knochen verläuft nicht gerade
  • spontane Korrektur ist nach Wachstumsabschluss nicht möglich

Diese Form kann langfristig zu ungleichmäßiger Gelenkbelastung und Arthrose führen.


🦵 Weichteilbedingte Instabilität (Bandlaxität)

Hier sind die Bänder zu weich oder instabil, der Knochen selbst ist jedoch gerade.

Merkmale:

  • Fehlstellung wirkt im Stand deutlicher als im Röntgen
  • Achse kann sich bei Entlastung teilweise normalisieren
  • tritt häufig bei sehr jungen Tieren auf
  • kann sich mit Muskelaufbau verbessern

In diesen Fällen ist die Prognose meist günstiger.


Warum ist die Unterscheidung wichtig?

Die Therapie und Einschätzung unterscheiden sich deutlich:

  • Knöcherne Deformation → nicht „geradeziehbar“, Fokus auf Management
  • Bandinstabilität → kann sich im Wachstum noch stabilisieren

Äußerlich sehen beide Formen oft ähnlich aus.
Sicher unterscheiden lässt sich das nur durch eine tierärztliche Untersuchung, meist mit Röntgen.


Kann man X- oder O-Beine korrigieren?

Je nach Schweregrad ist keine Behandlung notwendig, leichte Achen-Abweichungen sind rein kosmetisch und machen keine Probleme.

Bei Jungtieren

Wird eine Fehlstellung sehr früh erkannt, kann in seltenen Fällen eine temporäre Stabilisierung z.B. mit Verbänden oder Orthesen versucht werden. Das ist jedoch nur während der aktiven Wachstumsphase sinnvoll.

Eine vollständige Ruhigstellung ist kontraproduktiv, Muskeln müssen sich weiter entwickeln können.


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Bei ausgewachsenen Kaninchen

Ist das Knochenwachstum abgeschlossen, lässt sich die Achse nicht mehr „geradeziehen“.

Dann liegt der Fokus auf:

  • Muskelaufbau, Physiotherapie
  • Gewichtsnormalisierung
  • gelenkschonender Haltung
  • Schmerztherapie bei Bedarf
  • Prothese oder Verbände

Die Fehlstellung führt zu einer veränderten Kraftverteilung so dass es zu Gelenkveränderungen (z.B. Arthrose) und Pododermatitis/wunden Läufen kommen kann!

Haltung und Management

Kaninchen mit Achsfehlstellungen profitieren besonders von:

  • rutschfestem Untergrund (keine glatten Böden)
  • ausreichend Bewegungsmöglichkeit
  • moderatem Körpergewicht
  • gut gepolsterten Liegeflächen
  • Vermeidung steiler Rampen

Übergewicht verstärkt die Fehlbelastung deutlich, deshalb sollten die Kaninchen ihr unterstes Idealgewicht halten bzw. bei Übergewicht abnehmen.


Prognose

Die Prognose hängt vom Ausmaß der Fehlstellung ab.

Leichte Achsabweichungen:

  • oft lebenslang gut kompensierbar
  • keine wesentliche Einschränkung

Deutliche Fehlstellungen:

  • erhöhtes Arthroserisiko
  • mögliche chronische Schmerzen
  • regelmäßige Kontrolle sinnvoll

Wann sollte man handeln?

Tierärztliche Abklärung ist sinnvoll bei:

  • deutlicher Achsabweichung im Wachstum
  • sichtbarer Verschlechterung
  • Lahmheit
  • Schmerzreaktion
  • verminderter Aktivität

Das Wichtigste in Kürze

  • X- und O-Beine sind Achsfehlstellungen der Gliedmaßen.
  • Sie können angeboren oder wachstumsbedingt sein.
  • Nicht jede Fehlstellung verursacht Schmerzen.
  • Problematisch wird es bei Gelenküberlastung und Arthrose.
  • Frühzeitige Kontrolle und gute Haltungsbedingungen sind entscheidend.

Quellen u.a.:

Capello V. (2016): Limb deformities and orthopedic diseases in rabbits. In: BSAVA Manual of Rabbit Medicine. BSAVA.

Capello V. (2016): Orthopedic conditions in pet rabbits. In: BSAVA Manual of Rabbit Medicine. BSAVA.

Harcourt-Brown F. (2002): Metabolic bone disease (Rachitis) in rabbits. In: Textbook of Rabbit Medicine. Butterworth-Heinemann.

Harcourt-Brown F. (2002): Skeletal disorders and developmental bone disease. In: Textbook of Rabbit Medicine. Butterworth-Heinemann.

Harcourt-Brown F. (2002): Textbook of Rabbit Medicine. Butterworth-Heinemann.

Harcourt-Brown F. (2013): Rabbit Medicine, 2. Auflage. Butterworth-Heinemann.

MediRabbit (ohne Jahr): Angular limb deformities (X- and O-limbs) in rabbits. www.medirabbit.com

Meredith A., Lord B. (2014): BSAVA Manual of Rabbit Medicine. BSAVA.

Varga M. (2014): Musculoskeletal disorders. In: Textbook of Rabbit Medicine, 2. Auflage. Butterworth-Heinemann.

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