Tetraparese: Plötzliche Lähmung, aber kein Todesurteil

Es sieht erst einmal schlimm aus, ist aber meistens problemlos behandelbar: Das Floppy Rabbit Syndrom

Floppy Rabbit Syndrome (FRS) ist ein seltenes, oft dramatisch aussehendes Krankheitsbild beim Kaninchen: Innerhalb kurzer Zeit kann das Tier plötzlich extrem schlaff werden und nicht mehr stehen oder den Kopf halten. Für Halterinnen und Halter wirkt es häufig wie ein Schlaganfall oder ein schwerer Unfall.

Das Problem: Das Floppy-Rabbit-Syndrome ist noch nicht vollständig wissenschaftlich geklärt, und es gibt mehrere Erkrankungen, die sehr ähnlich aussehen können. Gerade deshalb ist es wichtig, schnell zu handeln und nicht vorschnell aufzugeben.

In diesem Artikel erfährst du:

  • was Floppy Rabbit Syndrome bedeutet
  • welche Symptome typisch sind
  • welche Differentialdiagnosen dringend ausgeschlossen werden müssen
  • wie eine Behandlung & Prognose aussehen kann
  • und was du als Halter sofort tun solltest

Kurzdefinition: Was ist das Floppy Rabbit Syndrome?

Floppy Rabbit Syndrome (FRS) beschreibt einen Zustand, in dem ein Kaninchen plötzlich eine starke Muskelschwäche bzw. schlaffe Lähmung entwickelt, meist ohne offensichtliche Verletzung. Die Tiere können nicht mehr stehen, haben keine Körperspannung mehr und wirken “wie ein nasser Waschlappen”.

Wichtig: Das Floppy Rabbit Syndrome ist keine eindeutige Diagnose, sondern eher ein klinisches Syndrom (= eine Symptomkombination), hinter der verschiedene Ursachen stecken können.


Viele Kaninchen werden vorschnell eingeschläfert weil der Tierarzt das Floppy Rabbit Syndrom nicht kennt.

Typische Symptome: Wie sieht das Floppy Rabbit Syndrome aus?

Das Floppy Rabbit Syndrome tritt oft plötzlich auf (innerhalb von Minuten bis Stunden). Häufige Anzeichen:

  • Kaninchen kann nicht mehr stehen oder laufen
  • Weg gestreckte Gliedmaßen (Tetraparese)
  • schlaffer Körpertonus (“floppy”, sehr weich)
  • Kopf kann meist noch bewegt werden, manchmal kann er nicht mehr angehoben werden
  • Tiere sind oft wach, reagieren normal, wirken aber kraftlos
  • teils Untertemperatur (Hypothermie)
  • teils reduzierte Futteraufnahme (sekundär), die meisten fressen und trinken normal, wenn man es ihnen direkt vor den Mund hält
  • häufig keine Schmerzen (aber das ist nicht sicher!)
  • Meistens sind Jungtiere oder junge Kaninchen betroffen

Wichtiges Merkmal: Bei vielen Floppy Rabbit Syndrome-Fällen wirken Kaninchen neurologisch klar (sie “sind da”), aber der Körper funktioniert nicht.


Achtung: Nicht alles was so wirkt, ist das Floppy Rabbit Syndrome!

Das ist der wichtigste Teil.

Viele lebensgefährliche Erkrankungen sehen ähnlich aus und müssen schnell ausgeschlossen werden. Dazu zählen u.a.:

1) Wirbelsäulen-/Beckenverletzung (Trauma)

  • Sturz, ruckartige Bewegung, Tritt, falsches Hochheben, Sprünge wenn das Tier keine Muskulatur hat
  • Lähmung, Schmerzen, evtl. ungleiche Pupillen/Schmerzreaktion

Im Röntgen kann man gröbere Verletzungen sehen, im MRT feinere Verletzungen. Eine orthopädische und neurologische Untersuchung hilft die Ursache einzuschätzen.

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2) E. cuniculi (EC)

E. Cuniculi kann zu Bewegungsstörungen bis hin zu Lähmungen führen. Im Blut kann man testen ob das Kaninchen den EC-Erreger trägt, aber ansonsten ist EC eine Ausschluss-Diagnose, d.h. nur wenn alle anderen Erkrankungen ausgeschlossen sind, kann man sagen dass EC die Ursache ist.

Kennst du den EC-Status deiner Kaninchen? Sorgst du Krankheitsausbrüchen vor?

Auch Toxoplasmose wird als Ursache diskutiert.

3) Vergiftung (sehr selten)

Toxine können zu schlaffen Lähmungen führen.

Hinweise:

  • plötzlicher Beginn
  • ggf. weitere Tiere betroffen (Futterquelle!)
  • schnelle Verschlechterung möglich

Mehr Infos zu Vergiftungen

4) Schwere Stoffwechselentgleisungen

z.B.:

  • Hypoglykämie (Unterzucker)
  • Elektrolytstörungen (z.B. Kalium)
  • schwere Leberprobleme
  • Sepsis
Splay Legs sind angeboren

Deshalb sind Blutwerte extrem wichtig.

5) Schmerzen / GI-Stase / Schock /Kreislaufversagen

Manche Kaninchen “liegen flach”, weil sie extreme Schmerzen haben oder in Kreislaufprobleme rutschen.

Nicht verwechseln: “Liegt nur da” heißt nicht automatisch “gelähmt”.

Mehr Infos zu schweren Verdauungsstörungen

6) Angeborenes Beinewegspreizen (Splay Legs)

Missbildung/Erbfehler, bei dem die Jungtiere ihre Vorder- und/oder Hinterfüße vom Körper weg strecken. Die Kaninchen gleichen die Einschränkung in der Regel durch Muskulatur aus und können sich (andersartig) fortbewegen. Sie sollten auf einem griffigen Untergrund (dicke Strohschicht, Wiese, VetBeds, Teppiche…) gehalten werden. An den Vorderpfoten kann eine Orthese sehr gut helfen und die Problematik beheben.


Was sagt die aktuelle Literatur?

Das Floppy Rabbit Syndrome ist seit Jahren beschrieben, aber es gibt wenig hochwertige, systematische Forschung.

Besonders hilfreich ist die neuere retrospektive Auswertung der Vetmeduni Wien (Glöckel 2023), die das Floppy Rabbit Syndrome klinisch als im Sinn einer generalisierten Läsion des Unteren Motoneurons einordnet und betont, dass Fehldiagnosen (z.B. Trauma) und vorschnelle Euthanasie ein Thema sind.

Auch klinische Artikel (z.B. Richardson 2013) diskutieren, dass Fälle mit „collapsing rabbit/floppy rabbit“ teils in Verbindung mit Hypokaliämie standen, allerdings ist das nicht bei allen Floppy Rabbit Syndrome-Fällen die Ursache.


Mögliche Ursachen von Floppy Rabbit Syndrome (FRS)

Die genaue Ursache des Floppy Rabbit Syndrome (FRS) ist bis heute nicht abschließend geklärt. Deshalb wird das Floppy Rabbit Syndrome in der Fachliteratur meist als Syndrom beschrieben, also als Symptomkomplex, der durch verschiedene Auslöser entstehen kann. Diskutiert werden vor allem Stoffwechselentgleisungen wie Elektrolytstörungen, insbesondere eine Hypokaliämie, außerdem Unterzuckerung, ein zu geringer Kalium oder Kalziumspiegel, akute Kreislaufprobleme oder selten auch toxische Ursachen, etwa durch verdorbenes Futter oder Giftstoffe. Auch Mängel wie z.B. Selen und Vitamin E werden diskutiert. Autoimmunerkrankungen (ähnlich dem Guillain-Barré-Syndrom beim Menschen) werden auh immer wieder vermutet. In Fallserien und klinischen Berichten wird außerdem beschrieben, dass manche Kaninchen plötzlich schlaff werden, obwohl sie bei Bewusstsein sind, was eher für eine Störung auf Ebene der Muskel oder Nervenübertragung im peripheren Nervensystem sprechen könnte.


Diagnose: Wie wird das Floppy Rabbit Syndrome festgestellt?

Das Floppy Rabbit Syndrome ist eine Ausschlussdiagnose. Ein guter Tierarzt wird i.d.R. diese Punkte abarbeiten:

Klinische Untersuchung

  • Bewusstsein / neurologischer Status
  • Temperatur, Herz-/Atemfrequenz
  • Neurologische und orthopädische Untersuchung mit Reflexen und Schmerzreaktionen

Bildgebung (sehr wichtig)

  • Röntgen Wirbelsäule/Becken
  • ggf. CT oder MRT, wenn Verdacht auf feine Frakturen

Blutuntersuchung (sehr wichtig!)

  • Glukose
  • Elektrolyte (Kalium, Calcium, Natrium)
  • Leber-/Nierenwerte
  • Entzündungswerte
  • CK (Muskel)
  • EC-Titer (wenn nicht bekannt), die Höhe des Titers sagt nichts darüber aus, ob es die Ursache für das Krankheitsbild ist, nur ob das Tier EC-positiv oder -negativ ist.

Blutwerte beim Floppy Rabbit Syndrome: CK oft stark erhöht

Bei Kaninchen mit Floppy Rabbit Syndrome (FRS) zeigen Blutuntersuchungen häufig auffällige Werte. Besonders typisch ist eine erhöhte Creatinkinase (CK), teilweise zusätzlich eine erhöhte AST (AS). In der ausgewerteten Fallserie einer Studie war die CK bei allen betroffenen Kaninchen erhöht. Zudem zeigte sich: Mit dem Absinken der CK in den Normalbereich erlangten die Kaninchen zeitgleich ihre motorischen Fähigkeiten zurück. Das kann darauf hindeuten, dass bei, Floppy Rabbit Syndrome eine Erkrankung der Muskulatur vorliegt und eine Blutuntersuchung wichtige Hinweise zur Einschätzung des Verlaufs geben kann.

Kot/Futter/Umweltanamnese

  • verdorbenes Futter?
  • Silage/Heulage?
  • neues Futter/Leckerli?
  • Giftpflanzen?

Bei Unklarheiten kann ein auf Tierneurologie spezialisierter Tierarzt hinzugezogen werden.


Behandlung: Was kann man beim Floppy Rabbit Syndrome tun?

Kaninchen mit dem Floppy Rabbit Syndrome erholen sich recht schnell wieder

„Die fatale Problematik bei Vorstellung von Kaninchen mit dem FRS besteht darin, dass dieses
Krankheitsbild aufgrund der spärlichen Datenlage bei praktizierenden Tierärzt/-innen nur
wenig bekannt ist. Dadurch besteht die Gefahr, dass aufgrund einer Fehlinterpretation des
klinischen Bildes im Sinn einer traumatischen Schädigung des Rückenmarks betroffene Tiere
voreilig euthanasiert werden.“

Glöckel J: Retrospektive Auswertung von Kaninchen mit Anzeichen einer generalisierten unteren Motoneuron Läsion („Floppy Rabbit Syndrome“), Veterinärmedizinische Universität Wien, 2023

Da die Ursache unklar sein kann, ist die Therapie meist symptomatisch und intensiv unterstützend.

Typische Maßnahmen:

1) Wärme

Viele Floppy Rabbit Syndrome-Kaninchen sind unterkühlt.

  • Temperatur-Überwachung
  • Wärmflasche (gut gesichert unter einer Decke, nicht zu heiß, Temperaturkontrollen)
  • SnuggleSafe
  • Wärmematte mit Abstand/Handtuch

2) Flüssigkeit & Kreislauf

  • Vollelektrolytlösung oder nach Elektrolyt-Profil und Glucose-Wert (wenn vorliegend), möglichst i.v. Infusionen (Tierarzt!)
  • Kreislaufkontrolle

3) Schmerztherapie (wenn nicht ausgeschlossen)

Auch wenn das Floppy Rabbit Syndrome nicht immer schmerzhaft wirkt:

  • Schmerzmittel nach tierärztlicher Einschätzung

4) Fütterung / GI-Schutz

  • Päppeln (z.B. Critical Care) wenn nicht selbst gefressen wird (oft reicht es aus es vor das Maul zu halten)
  • Prokinetika bei Bedarf

5) Vitamine

  • Nahrungsergänzungsmittel sind um ggf. bestehende Mängel auszugleichen, insbesondere Vitamin E und Selen.

6) Physiotherapie

  • Damit die Muskulatur erhalten bleibt.

Ganz wichtig:
Nicht nur abwarten. Viele Kaninchen kippen sekundär in einen Schock oder bekommen Verdauungsstörungen, wenn sie nicht tierärztlich überwacht und versorgt werden.


Prognose: Können Kaninchen sich davon erholen?

Ja , meistens sogar sehr gut.

Viele berichtete Fälle zeigen:

  • Symptome können über Stunden bis Tage rückläufig sein, normalerweise kommt es in 2-7 Tagen zu einer fast vollständigen Genesung
  • manche Kaninchen erholen sich vollständig
  • andere behalten Einschränkungen oder Rückfälle

Die Prognose hängt besonders ab von:

  • wie schnell behandelt wird
  • ob es wirklich das Floppy Rabbit Syndrome oder eine andere Ursache ist
  • ob sekundäre Probleme (Unterkühlung, Stase) verhindert werden

Lege das Futter direkt vor den Mund. Handtuchrollen helfen das Tier stabil zu lagern.

Erste Hilfe für Zuhause (bis zum Tierarzt)

Wenn dein Kaninchen plötzlich schlaff/lahm wird:

Sofort:

  1. Wärme geben, nicht zu heiß!
  2. ruhig lagern (nicht rumschleppen)
  3. Futter und Wasser anbieten (Frischfutter/Kräuter), am besten vor das Maul halten oder legen
  4. wenn frisst: super, weiter beobachten und zeitnah zum kaninchenkundigen Tierarzt
  5. wenn nicht frisst/trinkt: tierärztlicher Notdienst

Nicht machen:

  • ruckartig bewegen
  • Medikamente auf Verdacht (v.a. keine Humanmedikamente)

Häufige Fragen (FAQ)

Ist das Floppy Rabbit Syndrome ansteckend?

Nein, das Floppy Rabbit Syndrome selbst gilt nicht als ansteckend, aber mögliche Ursachen (z.B. Toxine/Futterprobleme) können mehrere Tiere betreffen.

Ist das ein Schlaganfall?

Beim Kaninchen sind „Schlaganfälle“ selten. Das Floppy Rabbit Syndrome wirkt dramatisch, ist aber oft eher Muskelschwäche/Lähmung als zentraler Hirninfarkt.

Kann das von E. cuniculi kommen?

EC kann ähnlich aussehen, aber das Floppy Rabbit Syndrome ist nicht automatisch EC. Beides muss sauber abgegrenzt werden.

Muss man ein Kaninchen mit dem Floppy Rabbit Syndrome einschläfern?

Definitiv nein! Viele Tiere wirken “aussichtslos”, können sich aber stabilisieren.
Einschläfern sollte erst nach Diagnostik (Röntgen/Blut) und realistischer Prognose erwogen werden.


Quellen u.a.:

Ewringmann A, Hrsg. Leitsymptome beim Kaninchen – Diagnostischer Leitfaden und Therapie. 3., überarbeitete und erweiterte Auflage. Stuttgart: Enke Verlag; 2016

Glöckel J: Retrospektive Auswertung von Kaninchen mit Anzeichen einer generalisierten unteren Motoneuron Läsion („Floppy Rabbit Syndrome“), Veterinärmedizinische Universität Wien, 2023.

Richardson V: Collapsing rabbit, Companion Animal, 2013.

Skinner A: Floppy Rabbit Syndrome: A case series (Kongressbeitrag/Fallserie, z.B. FASAVA Proceedings).

Harcourt-Brown F: Textbook of Rabbit Medicine, 2. Auflage, Elsevier, 2013.

Varga M: Textbook of Rabbit Medicine, Elsevier, 2022.

Mayer J, Donnelly TM: Clinical Veterinary Advisor: Birds and Exotic Pets, Elsevier, 2013.