
Bluttransfusion beim Kaninchen: Überblick für die Praxis
Bluttransfusionen stellen beim Kaninchen eine seltene, jedoch in ausgewählten Notfallsituationen lebensrettende Therapieoption dar. Aufgrund der besonderen Physiologie des Kaninchens, der hohen Stressanfälligkeit sowie der begrenzten Datenlage in der transfusionsmedizinischen Versorgung von Heimtieren erfordert diese Maßnahme eine sorgfältige Indikationsstellung und engmaschige Überwachung.
Ziel dieses Fachartikels ist es, Tierärztinnen und Tierärzten einen praxisorientierten Leitfaden zur Bluttransfusion beim Kaninchen an die Hand zu geben, wobei klinische Symptomatik und Patientenstabilität stets höher zu bewerten sind als isolierte Laborwerte.
Wann ist eine Bluttransfusion beim Kaninchen indiziert?
Eine Bluttransfusion sollte beim Kaninchen ausschließlich bei klarer klinischer Indikation und nach sorgfältiger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen. Entscheidend ist dabei der klinische Zustand des Patienten, nicht allein der absolute PCV-Wert.
Häufige Indikationen
- Akuter Blutverlust
(z. B. intra- oder postoperative Blutungen, Trauma) - Schwere Anämie beim Kaninchen
- hämolytische Anämie (z. B. Encephalitozoon cuniculi)
- verminderte Erythropoese (z. B. Knochenmarkerkrankungen)
- chronischer Blutverlust (z. B. Uteruserkrankungen)
Seltene Indikationen
- Neonaten
- Intensivpatienten mit ausgeprägter Hypoxie
Klinische Symptome
- Schwäche, Apathie
- Tachykardie
- Dyspnoe
- blasse Schleimhäute
- Hypothermie
- Kreislaufkollaps
Wichtig: Die Entscheidung zur Transfusion sollte sich primär an der klinischen Symptomatik (Hypoxie, Kollaps, Kreislaufinstabilität) orientieren und nicht an festen PCV-Grenzwerten.
Blutgruppen und Kreuzprobe beim Kaninchen
Im Gegensatz zu Hund und Katze existiert beim Kaninchen kein routinemäßig etabliertes Blutgruppensystem. Natürlich vorkommende Alloantikörper sind selten, weshalb Ersttransfusionen in der Regel gut toleriert werden.
Neuere Studien zeigen, dass die Mehrheit der Kaninchen untereinander kreuzverträglich ist. Nach Kontakt mit Fremdblut kann es jedoch zu einer Sensibilisierung kommen, wodurch das Risiko immunologischer Reaktionen bei Folgetransfusionen steigt.
Kreuzprobe (Cross-Match)
Eine Kreuzprobe wird dringend empfohlen:
- bei bereits erfolgten Bluttransfusionen
- bei geplanten Mehrfachtransfusionen
- sofern der klinische Zustand des Patienten dies zeitlich erlaubt
Blutspender-Kaninchen: Auswahlkriterien

Die Auswahl eines geeigneten Blutspenders ist entscheidend für die Sicherheit der Transfusion und das Wohlergehen beider Tiere.
Kriterien für Blutspender
- klinisch gesundes, adultes Kaninchen
- ruhiges Temperament
- Körpergewicht > 2 kg
(ab ca. 1,5 kg nur streng fallabhängig) - Alter < 8 Jahre, Riesen < 6 Jahre
- aktueller Impfstatus, parasitenfrei
- keine systemischen Erkrankungen
- normale PCV- und TP-Werte
- Encephalitozoon cuniculi negativ
Sedation
Eine Sedation ist nicht zwingend erforderlich. Viele Kaninchen tolerieren die Blutentnahme unter sanfter Fixierung. Stressreduktion hat oberste Priorität, da Stress sowohl beim Spender als auch beim Empfänger prognostisch relevant ist.
Durchführung der Bluttransfusion beim Kaninchen
Blutentnahme
- bevorzugte Gefäße: Vena jugularis und Vena saphena lateralis
- maximale Entnahmemenge: bis zu 1 % des Körpergewichts (≈ 10 ml/kg)
In ausgewählten chirurgischen Situationen kann theoretisch auch eine autologe Transfusion (Rückgewinnung eigenen Blutes) erwogen werden. In der Praxis ist dies beim Kaninchen jedoch selten umsetzbar und bleibt Einzelfällen vorbehalten.
Antikoagulation
- bevorzugt: CPDA-1 oder CPD
- alternativ: Heparin (nur bei unmittelbarer Verwendung)
Transfusion und Geschwindigkeit
- langsame intravenöse Applikation
- initial sehr langsamer Beginn („slow start“) zur frühzeitigen Erkennung von Reaktionen
- anschließend vorsichtige Steigerung bei guter Verträglichkeit
Vollbluttransfusionen gelten beim Kaninchen als Standard. Plasmatransfusionen sind in der Praxis kaum etabliert und spielen eine untergeordnete Rolle.
Monitoring
Eine kontinuierliche klinische Überwachung ist essenziell.
Mögliche Transfusionsreaktionen:
- Tachykardie
- Dyspnoe
- Hypothermie
- Gesichtsödeme
- akuter Kollaps (selten)
Nutzen und Risiken der Bluttransfusion beim Kaninchen
Nutzen
- rasche Verbesserung der Sauerstofftransportkapazität
- Überbrückung bis zur kausalen Therapie
Risiken
- immunologische Transfusionsreaktionen
- Stressbelastung für Spender und Empfänger
Bluttransfusionen sind stets als supportive Maßnahme zu verstehen und ersetzen nicht die Behandlung der zugrunde liegenden Erkrankung.
Klinischer Entscheidungsalgorithmus bei Anämie des Kaninchens
1. Triage
- Bewusstseinszustand
- Atmung
- Schleimhäute / CRT
- Puls
- Temperatur
2. Stabilisierung
- Sauerstoffgabe als Primärmaßnahme
- aktive Wärmezufuhr
- konsequente Stressminimierung
3. Gefäßzugang
- intravenös oder intraossär
- Blutentnahme
4. Minimaldiagnostik
- PCV / Hämatokrit
- TP (Gesamteiweiß)
- Glukose
- ± Laktat
- Blutausstrich
Keine aggressiven Flüssigkeitsboli bei schwerer Anämie, außer bei gesicherter Hypovolämie.
5. Erste Interpretation
- PCV ↓ + TP ↓ → Blutverlust oder Hämodilution
- PCV ↓ + TP normal/↑ → Hämolyse oder verminderte Erythropoese
6. Bildgebung
- Ultraschall
- ± Röntgen
- Fokus auf innere Blutungen, Uteruspathologien, Raumforderungen
7. Transfusionsentscheidung
- bei Kollaps, schwerer Hypoxie, klinischer Dekompensation oder aktiver Blutung
- Auswahl eines geeigneten Spenders
- Kreuzprobe, sofern möglich
- langsamer Beginn mit enger Überwachung
8. Ursachenbehandlung
- Hämostase / chirurgische Versorgung
- Koagulopathie-Management
- Therapie der Grunderkrankung
- Kontrolle von PCV/TP nach 1–2 Stunden
PCV- und TP-Werte beim Kaninchen: klinische Bedeutung
PCV (Packed Cell Volume / Hämatokrit)
Gibt den Volumenanteil der zellulären Blutbestandteile an und dient der Einschätzung des Schweregrades einer Anämie.
TP (Total Protein / Gesamteiweiß)
Beschreibt die Summe der im Plasma gelösten Proteine und hilft bei der Differenzierung der Anämieursache.
Klinische Interpretation
- PCV ↓ + TP ↓ → Blutverlust oder Verdünnung
- PCV ↓ + TP normal/↑ → Hämolyse oder verminderte Erythropoese
Zentrale Aussagen
- Die klinische Symptomatik ist entscheidender als absolute PCV-Grenzwerte
- Ersttransfusionen sind beim Kaninchen meist gut verträglich
- Kreuzproben erhöhen die Sicherheit bei Folgetransfusionen
- Vollblut ist die Transfusionsform der Wahl
- Spender- und Empfängerwohl sind gleichwertig zu berücksichtigen
- Bluttransfusionen sind eine supportive Maßnahme und ersetzen nicht die kausale Therapie
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