Zuletzt fachlich aktualisiert am 30.10.2026

Wann ist sie sinnvoll und wie werden die Werte interpretiert?

Die Blutgasanalyse ermöglicht mit sehr wenig Probenmaterial eine unmittelbare Beurteilung von Säure-Basen-Haushalt, Ventilation und, bei arteriellen Proben, Oxygenierung. Je nach Gerät werden zusätzlich Elektrolyte, ionisiertes Calcium, Glukose, Laktat, Hämatokrit und Hämoglobin bestimmt. Besonders nützlich ist sie bei kritisch kranken oder anästhesierten Tieren. Für Kaninchen liegen klinisch nutzbare Referenzintervalle vor. Beim Meerschweinchen ist die Datenlage deutlich schwächer und stark von Entnahmetechnik und Gerät abhängig.

Typische Indikationen

Eine Blutgasanalyse ist besonders sinnvoll bei:

  • Dyspnoe, Zyanose oder Verdacht auf Hypoventilation
  • Narkosezwischenfällen und verzögerter Aufwachphase
  • Schock, Hypothermie oder Kreislaufinsuffizienz
  • schwerer Anorexie, GI-Stase oder gastrointestinaler Obstruktion
  • Durchfall und ausgeprägten Flüssigkeitsverlusten
  • akuter Nierenschädigung oder postrenaler Obstruktion
  • Hyperkaliämieverdacht
  • Sepsis, Trauma, Krampfanfällen und Intoxikationen
  • Verlaufskontrolle einer Sauerstoff-, Flüssigkeits- oder Beatmungstherapie

Venös oder arteriell?

Venöses Blut ist für die Beurteilung des pH-Wertes, der metabolischen Komponente, des pCO₂ und der Elektrolyte in der Regel ausreichend. Es lässt sich bei Kaninchen meist aus der V. saphena lateralis gewinnen.

Die Oxygenierung kann dagegen nur anhand einer arteriellen Probe zuverlässig beurteilt werden. Ein venöser pO₂ oder eine daraus errechnete venöse Sauerstoffsättigung ist dafür ungeeignet. Für arterielle Proben beim Kaninchen kommen insbesondere die A. auricularis centralis oder andere gut zugängliche Arterien infrage. Arterielle Referenzintervalle wurden unter anderem an gesunden Heimtierkaninchen mit dem i-STAT-System bestimmt.

Präanalytik

Für verwertbare Ergebnisse sollten:

  • Probe und Referenzintervall aus demselben Probentyp stammen
  • trockene, balancierte Heparinisierung verwendet werden
  • Luftblasen vermieden und vorhandene Luft sofort entfernt werden
  • Proben nicht aufgeschäumt oder lange aspiriert werden
  • die Analyse unmittelbar, möglichst innerhalb weniger Minuten erfolgen
  • Sauerstoffgabe, Beatmung, Narkose und Entnahmestelle dokumentiert werden
  • gerätespezifische Referenzintervalle verwendet werden
    Zeitverzug verändert unter anderem pO₂, pCO₂, Glukose und Laktat. Point-of-Care-Geräte sind zudem nicht ohne Weiteres untereinander oder mit Laborgeräten austauschbar. In einer Vergleichsstudie an Kaninchen war lediglich die Übereinstimmung des pH-Wertes ausreichend; mehrere weitere Parameter zeigten systematische oder proportionale Abweichungen.

Venöse Referenzintervalle beim Kaninchen

Die folgenden Werte wurden bei 47 gesunden, wachen Heimtierkaninchen aus der V. saphena lateralis mit trockener balancierter Heparinisierung und einem ABL80 Basic FLEX bestimmt:

Parameter und Referenzintervall:

ParameterReferenzintervall
pH7,23–7,56
pCO₂28,5–50,7 mmHg
pvO₂18,0–48,3 mmHg
HCO₃⁻15,8–30,2 mmol/L
Base Excess−8,8 bis +5,7 mmol/L
Anionenlücke8,8–26,4 mmol/L
Natrium139–149 mmol/L
Kalium3,8–6,1 mmol/L
Chlorid96–113 mmol/L

Diese Intervalle gelten nur näherungsweise für dieselbe Probenart und Methodik. Eine zweite Untersuchung an 45 gesunden Kaninchen mit dem i-STAT ergab ähnliche, aber nicht identische venöse Bereiche, beispielsweise einen pH von 7,245–7,533 und einen pCO₂ von 28,9–52,9 mmHg.

Arterielle Referenzintervalle beim Kaninchen

Für 20 gesunde Kaninchen wurden mit dem i-STAT folgende Werte ermittelt:

ParameterReferenzintervall
pH7,358–7,502
paCO₂29,1–36,8 mmHg
paO₂75–101 mmHg
HCO₃⁻17,5–27,6 mmol/L
Base Excess−7 bis +5 mmol/L
Ionisiertes Calcium1,67–1,85 mmol/L

Eine weitere Studie an 50 gesunden Zwergwiddern ermittelte teilweise breitere beziehungsweise niedrigere paO₂-Werte. Ein einziges universelles arterielles Referenzintervall sollte deshalb nicht unabhängig von Gerät, Haltung, Stress und Probengewinnung verwendet werden.
Schrittweise Interpretation

  1. pH beurteilen
    Ein erniedrigter pH bedeutet Azidämie, ein erhöhter pH Alkalämie. Wegen der breiten kaninchenspezifischen Bereiche sollten nicht unkritisch die Grenzwerte von Hund oder Mensch übernommen werden.
  2. Respiratorische Komponente prüfen
    Ein erhöhter pCO₂ spricht für Hypoventilation und eine respiratorische Azidose. Ein erniedrigter pCO₂ passt zu Hyperventilation und respiratorischer Alkalose.
  3. Metabolische Komponente prüfen
    Erniedrigtes HCO₃⁻ und negativer Base Excess sprechen für eine metabolische Azidose. Erhöhtes HCO₃⁻ und positiver Base Excess weisen auf eine metabolische Alkalose hin.
  4. Kompensation beurteilen
    Verändern sich pCO₂ und HCO₃⁻ in der erwarteten Gegenrichtung, liegt wahrscheinlich eine Kompensation vor. Passen die Veränderungen nicht zusammen oder ist der pH stärker verändert als erwartet, muss an eine kombinierte Störung gedacht werden. Exakte Kompensationsformeln sind für Kaninchen und Meerschweinchen nicht ausreichend klinisch validiert.
  5. Anionenlücke einordnen
    Eine erhöhte Anionenlücke spricht für nicht gemessene Anionen, beispielsweise bei Laktat-, Keto- oder urämischer Azidose. Eine metabolische Azidose mit normaler Anionenlücke und relativ hohem Chlorid passt eher zu Bikarbonatverlusten oder einer hyperchlorämischen Azidose nach chloridreicher Infusion. Die verwendete Berechnungsformel und das zugehörige Geräteintervall müssen übereinstimmen.

Typische Konstellationen

BefundpHpCO₂HCO₃⁻/BE
Metabolische Azidose↓normal oder kompensatorisch ↓↓
Respiratorische Azidose↓↑zunächst normal, später ↑
Metabolische Alkalose↑normal oder kompensatorisch ↑↑
Respiratorische Alkalose↑↓zunächst normal, später ↓

Bei schwer kranken Kleinsäugern treten häufig Mischformen auf, etwa metabolische Azidose durch Minderperfusion zusammen mit respiratorischer Azidose infolge Hypoventilation.

Besonderheit Laktat beim Kaninchen

Kaninchen besitzen physiologisch wesentlich höhere L-Laktatkonzentrationen als Hund, Katze oder Meerschweinchen. Bei 140 gesunden Heimtierkaninchen wurde mit einer enzymatischen Methode ein venöses Referenzintervall von 2,1–15,2 mmol/L ermittelt.

Ein einzelner hoher Wert darf deshalb nicht anhand kaniner Grenzwerte als Schockmarker interpretiert werden. In einer Untersuchung an 405 erkrankten Kaninchen war ein anhaltend niedriger Laktatwert eher mit Mortalität verbunden, während ein Anstieg um mindestens 3,3 mmol/L innerhalb von 48 Stunden mit einer günstigeren Prognose assoziiert war. Diese ungewöhnliche Beziehung ist nicht vollständig geklärt. Gerät und Verlauf sind wichtiger als die isolierte Messung. pubmed.ncbi.nlm.nih.gov
Wie belastbar sind Werte beim Meerschweinchen?
Für Heimtiermeerschweinchen existiert kein breit klinisch validiertes Blutgas-Referenzsystem.

Eine LMU-Dissertation untersuchte venöse Proben von 170 klinisch gesunden Meerschweinchen mit einem i-STAT CG8+. Die ermittelten Bereiche waren jedoch sehr breit; der Median lag bei einem pH von 7,224 und einem pCO₂ von 68,2 mmHg. Die Arbeit beschreibt erhebliche Schwierigkeiten durch Venenkollaps, Luftaspiration, Schaumbildung und schnelle Gerinnung. Entnahmetechnik, pO₂ und errechnete Sauerstoffsättigung erwiesen sich teilweise als schlecht reproduzierbar. Diese Werte sollten deshalb nicht als allgemeingültige physiologische Referenzintervalle verwendet werden.

In einer älteren experimentellen Untersuchung an chronisch arteriell katheterisierten, wachen Meerschweinchen wurden dagegen folgende Mittelwerte gemessen:

  • pH: 7,444 ± 0,032
  • paCO₂: 35,7 ± 4,4 mmHg
  • paO₂: 91,9 ± 7,3 mmHg
  • HCO₃⁻: 24,4 ± 2,8 mmol/L
  • Base Excess: +0,4 ± 2,1 mmol/L

Diese Werte stammen von Labortieren unter kontrollierten Bedingungen und sind ebenfalls keine Referenzintervalle für Heimtierpatienten. Die deutliche Abweichung von den venösen Praxiswerten zeigt, wie stark Probentyp und Entnahmebedingungen das Ergebnis beeinflussen.

Für Laktat wurden bei 48 anästhesierten Labor-Meerschweinchen gerätespezifische Bereiche von 0,49–1,83 mmol/L mit i-STAT und 0,60–2,20 mmol/L mit Lactate Plus ermittelt. Die Analyse sollte innerhalb von fünf Minuten erfolgen. Eine Übertragung auf wache Heimtiermeerschweinchen ist nur eingeschränkt möglich.

Kernaussage für die Praxis
Beim Kaninchen ist die venöse Blutgasanalyse ein klinisch gut einsetzbares Verfahren zur Beurteilung von Säure-Basen-Status, Ventilation und Elektrolyten. Für die Oxygenierung wird eine arterielle Probe benötigt. Beim Meerschweinchen ist die Untersuchung ebenfalls wertvoll, Ergebnisse müssen aber stärker methoden-, geräte- und verlaufsbezogen interpretiert werden. Besonders problematisch ist die Verwendung fremder Referenzintervalle ohne Berücksichtigung von Probentyp und Entnahmetechnik.